Den Teilnehmenden in meinen Seminaren rate ich immer, sich rechtzeitig Gedanken über die konkrete Gestaltung des letzten Arbeitstages zu machen. Nicht nur dazu, wie der Abschied im Büro mit den Kolleg*innen aussehen soll, sondern auch, wie sie diesen Übergang ganz privat begehen wollen. Ein Ritual kann da eine gute Idee sein. Meine Kollegin Sabine Deschauer ist Ritualbegleiterin – hier ein Interview mit ihr:

Katharina Mahne: Ich habe das Gefühl, wir leben in einer ritual-armen Gesellschaft. Wie siehst Du das?

Sabine Deschauer: Auf den ersten Blick ist das auch mein Eindruck. Außer dem weihnachtlichen Gottesdienstbesuch und dem jährlichen Geburtstagsfest scheinen kaum mehr Rituale bewusst gefeiert zu werden. Beim genaueren Hinsehen fällt mir jedoch auf, dass die Sehnsucht nach Orientierung und Halt in unübersichtlichen Zeiten dazu führt, dass wieder mehr Menschen Rituale entdecken und schätzen.

Zum Beispiel beobachte ich seit dem Beginn der Kontaktbeschränkungen, dass viele Empfehlungen, Tipps und Ratschläge in den sozialen Medien geteilt werden: Wie kann ich im home office gut für mich sorgen? Wie können wir Ostern feiern oder Geburtstage? Wie wollen wir Abschied nehmen, wenn jemand stirbt und wir nicht zur Trauerfeier gehen dürfen? Die Antworten sind oft angelehnt an Rituale: Überlege Dir, was Dir wirklich wichtig ist, beginne den Tag selbstfürsorglich mit einem Morgenritual, das auch Achtsamkeit und etwas Bewegung beinhaltet. Sorge für genug Pausen und auch für eine Rückzugsmöglichkeit einmal am Tag für Dich alleine. Die Ritualbegleiterin in mir sieht darin eher gute Gewohnheiten und Routinen. Aber im Alltagsgebrauch sprechen wir gerne von Ritualen.

KM: Okay, was ist denn ein Ritual genau? Was unterscheidet es z.B. von einer Routine, wie Du sagst, oder einer „normalen“ Feier?

SD: Ein Ritual ist ein symbolisches Handeln, da über das unmittelbare Geschehen hinausweist. Es hat eine klare Struktur und kann – eingebettet in eine Feier – der zentrale Moment sein. Der Moment, in dem deutlich wird, was der Anlass der Feier ist. Wodurch die Feier eine Hochzeitsfeier, eine Geburtstagsfeier oder eine Abschiedsfeier wird. Es kann aber auch für sich stehen und bedarf nicht der Feier als Rahmen. Beides verbindet, dass es einen exklusiven Ort und eine exklusive Zeit braucht, wir uns also darauf einlassen können.

Ich illustriere das mal am Beispiel einer Hochzeitsfeier. Da kann das Ritual so aussehen, dass das Brautpaar in den Kreis der Gäste kommt. Es bringt Sonnenblumen mit und beginnt, damit eine Spirale zu legen. Jede Blüte symbolisiert eine Station auf dem gemeinsamen Weg bis zum heutigen Tag. Im Zentrum der Spirale steht eine Feuerschale. Das Paar zündet mit einer Fackel das Ritualfeuer in der Feuerschale an, ich spreche Worte zur Bedeutung des Feuers für die beiden. Dann laden wir noch die Elemente Erde, Wasser und Luft mit ein als Inspiration für den weiteren gemeinsamen Weg.

Die Symbole hat das Paar zuvor mit mir herausgearbeitet, selbst gestaltet oder von den Trauzeugen, Familienmitgliedern oder Kindern mitbringen lassen. Ich sage dazu, welche Bedeutung die Elemente an sich haben können und wie das Paar das für sich versteht. Und schließlich sind die Gäste eingeladen, zum Paar in die Mitte kommen und noch einen Scheit Holz ins Feuer zu geben – mit einem Wunsch für die beiden. Umrahmt wurde das von feuriger Akkordeonmusik. Es brennt ein kraftvolles Feuer für die beiden, an dem sich viele beteiligt haben und es entsteht ein verbindendes Moment, an das sich Brautpaar und Gäste gerne zurückerinnern.

KM: Warum kann es wichtig sein, eine Feier um ein Ritual zu bereichern? Welche Funktion haben Rituale?

SD: Aus der Ethnologie und der Geschichte wissen wir, dass Rituale schon lange vor dem Einzug des Christentums gefeiert worden sind. Eine ihrer wesentlichen Funktionen liegt darin, den Menschen in schwierigen Übergangssituationen zu begleiten. Sie sind ein uraltes Hilfsmittel, um bei großen Einschnitten im Leben Orientierung und Struktur zu geben. Sie können den Übergang von einer Lebensphase in die nächste erleichtern.

Rituale sorgen für seelisches Wohlbefinden im Auf und Ab des Lebens, weil sie uns auf allen Ebenen ansprechen: den kreativen Geist, wenn wir es erschaffen, die Seele, die dabei ihren Ausdruck finden kann und den Körper, wenn wir ein Ritual mit allen Sinnen durchführen.

Ein Ritual hat einen klaren Anfang und ein klares Ende. Und dazwischen ist der Raum und die Zeit für das, was sich zeigen möchte. Das Neue, das an die Oberfläche kommen mag – aus der Tiefe unserer Seele. Wir stärken uns durch den rituellen Handlungsvorgang selbst, weil wir ins Gestalten kommen und nicht in der Passivität verharren.

KM: Manche meiner Klient*innen sind unsicher, wie sie ihren Abschied vom Beruf gestalten sollen oder wollen. Wie würdest Du so jemanden unterstützen?

SD: Die Beendigung der Berufstätigkeit schließt eine bedeutende Lebensphase ab und eröffnet eine neue. Das kann bedrohlich wirken oder auch beflügeln. In beiden Fällen ist es unterstützend, sich eine Zeit des Innehaltens und Betrachtens zu gönnen. Hilfreich finde ich dabei folgende Fragen: Worauf bin ich stolz? Was macht mich zufrieden? Welche Verluste muss ich verwinden? Was brauche ich noch, um mit mir ins Reine zu kommen? Was möchte ich noch Fruchtbares in die Welt bringen? Welchen Traum oder welches Ideal meiner Jugend möchte ich noch verwirklichen?

KM: Das sind Fragen, die ich mit meinen Klienten in der Biographiearbeit auch bearbeite. Wie wird mit Deinem Zutun ein Ritual draus?

SD: Ich unterstütze diese Reflexion mit einem achtsamen Prozess, in dem wir den klaren eigenen Fokus, die Symbole, Texte, Musik und Handlungen finden, die dafür stehen. Dann entwerfen wir daraus gemeinsam ein kraftvolles und wirkungsvolles Ritual. Zum Beispiel können Erwartungen sich in Luft auflösen. Wenn der Löwenzahn blüht, können die Pusteblumen stellvertretend für eine Erwartung in die Luft geblasen werden.  Zu einer anderen Jahreszeit können andere Blüten verwendet werden, die erst mit einer Erwartung assoziiert werden und dann in die Luft geworfen werden.

Verletzungen, die ein*e Klient*in nicht mehr mit sich tragen möchte, können auf ein Blatt geschrieben und zur Umwandlung ins Feuer gegeben werden. Themen, die nun abgeschlossen werden sollen, können zum Beispiel mit einer Nuss eingegraben werden. Das ist eine symbolische Entlastung, indem wir sie der Erde anvertrauen, um sie zu kompostieren und so zu Humus für etwas Neues werden lassen.

KM: Gab es für Dich einen bestimmten Anlass, Dich als Ritualbegleiterin selbständig zu machen?

SD: Oh ja. Ich war bei mehreren Hochzeiten, Konfirmationen, Geburtstagen und auch Trauerfeiern und vermisste etwas oder blieb ein wenig ratlos zurück: so ein großer Aufwand für ein Fest und dann passierte da nichts Wesentliches. Nichts, was auf den Punkt bringt, warum wir alle extra angereist, zusammengekommen sind. Nichts, was mir unter die Haut ging, mein Herz wirklich berührt hat. Sei es, weil der Gottesdienst formelhaft blieb oder sei es weil es gar keinen gab.

Als ich dann 2014 von einem Freund hörte, er habe in der Schweiz mit seiner Nichte deren Erwachsenwerden gefeiert, bin ich hellhörig und neugierig geworden. Das Ritual hatte seine Schwester angeleitet, die dort schon seit vielen Jahren als Ritualbegleiterin arbeitet. Dann habe ich bei Uta Ungerer, ebenjener Ritualbegleiterin hospitiert. Seither beschäftige ich mich leidenschaftlich mit der Theorie und der praktischen Durchführung kraftvoller, verbindender, unverwechselbarer Rituale.

KM: Aus welchen Anlässen fragen Dich Deine Kund*innen an?

SD: Menschen kommen zu mir, wenn sie heiraten möchten. Oder sie wollen eine Willkommensfeier gestalten – nicht nur wenn sie ein Kind bekommen haben, sondern gerade auch dann, wenn es adoptiert oder angenommen wurde. Auch Patchworkfamilien nutzen Rituale gerne, um ihre neue Gemeinschaft zu würdigen und zu feiern. Es hilft jeder beteiligten Person, den Platz im neuen Familiengefüge zu finden.

Auf meiner Webseite www.beseelte-momente.de sind viele Anregungen für Rituale zu finden. Zu so wichtigen Übergängen im Leben wie eine Trennung oder Scheidung, ein Jobwechsel, ein Ortswechsel. Oder eben für den Übergang in den Ruhestand!

Danke, liebe Sabine, für dieses interessante Gespräch!

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